27. August 2021

Ästhetische Lebensräume – für uns und für den Tourismus

Raum- und Ortsplanung ist ein sehr komplexes Feld.

Und sie betrifft unsere Lebensumwelt. Darum geht sie uns alle an. Alle!

Und doch: sie wird nie alle zufriedenstellen.

Eine zentrale Frage:

Verdichtung der Städte ja oder nein?

Verdichtung der Städte ja oder nein?

Sie mag von der reinen Flächennutzung her sinnvoll sein, doch wollen die Menschen dort leben? Und sind nicht gerade verdichtete Städte ein sehr verletzliches Konstrukt?

Und welchen Gast wollen wir einladen, wenn wir uns selber (nicht) wohl fühlen.

Lebenswerte Vielfalt

Es ist zentral wichtig, möglichst viele Sichtweisen und Anliegen frühzeitig in die Raumplanung einfliessen zu lassen, ihre Akteure und Interessenvertreter teilhaben zu lassen. Und dazu gehören auch die nicht institutionalisierten Interessenträger. Unumgänglich!

Damit können wir viele spätere Konflikte vorbeugen, für nachhaltig gute Stimmung sorgen und für Werterhaltung, die unsere Lebensräume lebenswert und besuchenswert machen und erhalten.

Häuserzeile in Bonn-Bad Godesberg in historischer niederrheinischer Räumlichkeit mit 70er-Jahre Materialästhetik.
historisches Raumkonzept trifft Ästhetik der 70er – auch 2021 noch ein interessanter Anblick

Lebensräume sind auch Erfahrungsräume

Und demzufolge mit einer bunten Varietät von Erlebnissen und Lebenserfahrungen ihrer Bewohner und Besucher verbunden. Eine reichhaltige Vielfalt. Auch eine Vielfalt der Generationen.

Und doch sollten sie eine gemeinsame Sprache sprechen, um uns die nötige Geborgenheit bieten zu können.

Reissbrett-Architektur wird diese Geborgenheit wahrscheinlich nicht bieten. Und eine obisierte Landschaft sorgt auch in den bewohnenden Menschen für entsprechend gleichgeschaltete Stereotypie.

Ein Vergleich von Meinungen und Haltungen in Gesprächen im jeweils bevorzugten Lebensumfeld der betreffenden Personen ist meistens recht aufschlussreich. Deshalb ist es so wichtig, hier auch raumplanerisch für Durchlässigkeiten zu sorgen.

Und diese können auch in Irritiationen in Form nicht zu Ende optimierter Lebensräume bestehen.

Sehen wir uns um: die Natur bietet uns Menschen (bisher noch) viel  Unterhaltung im Sinne einer vielfältigen Lebensumwelt. Einer nicht perfekten Umwelt.

La Défense in Paris

ist ein Beispiel meisterhafter architektonischer Denk- und Planungsarbeit.

Nur: für wen wurde das geplant? Für welchen Typen Mensch und mit welchen Lebensgewohnheiten? Mit welchen inneren Anliegen und Werten?

La Défense ist schlichtweg nicht menschengerecht. Sie ist eine Art «architektonischer SUV», ein Fahrzeug weder fürs Gelände noch für die Stadt noch als Transportgut-Schlucker tauglich.

Sie erinnert mich an Speers Architektur der 30er- und 40er-Jahre.: grosszügig und grossartig angelegte Prachtsstädte, Alleen, Gebäude. Aber eben Dimensionen zu gross. Unwohnlich, durch ihre Kälte beengend, in dem sie nach dem Massenauflauf schreit, den sie für ihre Inszenierung benötigt.

Der Mensch darin als fühlendes Individuum aber – nicht vorgesehen.

Einfamilienhaus in "Mono-Coque"-Beton-Bauweise in Trin-Mulin vor dem Flimser Stein.
One Family House in "Mono-Coque"-Beton-Technique in front of Rockfall of Flims, Switzerland
extrem-kubisches Wohnhaus in Trin-Mulin … von Bauherren gebaut. Polarisierend – und harmonisierend mit dem Flimser Stein.

Eine andere Kategorie: Die «gut gemeinten» Siedlungen für Roma etwa in Katalonien, in Südspanien, in Rumänien.
Allesamt eine Pleite.
Weshalb? Weil der Mensch, der sie bewohnen sollte, lediglich als «homo technicus» bedacht wurde, nicht aber seine inneren Lebensmotive. Er wurde da hineingepflanzt – blöderweise nur bewegt er sich. Und das nicht so, wie am Reissbrett der Mainstream-«Richtigdenker» erdacht.

Wenn wir uns in jüngerer Zeit in unseren Städten umsehen, wird es nicht weniger «abenteuerlich»:
Da wird im Bündner Dorf Tomils, das dem Domleschg einst seinen Namen gab, der Postauto-(Bus)-Passagier mit einem wunderbaren Blick auf das Schloss Ortenstein inmitten einer prächtigen Landschaft begrüsst. Gastfreundlich, touristisch wertvoll, wenn auch nicht in der Wertschöpfung messbar.

Bisher.

Wird … wurde

Denn genau davor wird derzeit die Wohnanlage «Schlossblick» gebaut. In (s)cha(r)mloser Vierkantbauweise im «Stil», wie in den Agglomerations-Räumen in den 70ern geklotzt wurde. Der in der ausgeprägt ländlichen Gegend ankommende Gast oder Einheimische wird sich danach in einer halben Häuserschlucht wiederfinden.

Sicher: das ausführende Büro ist nicht irgendeines. Die Architektur wirkt für sich gesehen schlüssig und wertig.

Aber was ist die Intention, diese Wohnanlage dort hinzuklotzen? Ich mutmasse keine raumplanerischen Gedankengänge im Planungsverlauf. In der Psychiatrie spräche man von Autismus.

Verdichtung um jeden Preis

In Chur sollen derweil die Wohnhäuser der Waldhaus-Siedlung abgebrochen werden, die vor ca. 100 Jahren für die Mitarbeiter der Klinik gebaut wurden. Ziel: das Terrain verdichtet zu bebauen. Ich mutmasse aus der freien Hand: Beton-Hasenställe mit teuren Küchen und billigen Trend-Laminatböden. (Wie sie schon in der näheren Umgebung verbreitet sind.)
Entsprechend 4-eckig werden deren Bewohner – so sie es nicht schon bei Einzug sind.

Zur Waldhaus-Siedlung hat sich im April 2021 der Haldensteiner Architekt Peter Zumthor in einem Zeitungsaufsatz umfassend geäussert. Nach einer bewussten Begehung der aktuellen Ensemblestruktur äusserte er: problemlos wäre hier eine gewisse Verdichtung ohne Abbruch des aktuellen historisch gewachsenen und architektonisch prägenden Bestandes möglich.

Denn Menschen sollen eine Art Heimat erleben.

Und genau so gehört eine solche Heimat zum Stadt- und Dorfbild.

historisches Gotthard-Haus in Andermatt - daneben modern-kubisches Haus im Rost-Look anstelle des früheren Stalles.
historical Gotthard-House in Andermatt, Switzerland - beside a modern cubic house in rusty style on the place of a former stable.
Alt trifft neu – mitten in Andermatt. Verdichtung in konstrastiert-harmonischer Art. Bau-Art. Dorf-Art.

Vielleicht passt es aber ganz gut zu unserer Zeit, in der wir unsere Alten in «Alters-Schubladen» pferchen und sie geriatrisch bespassen, während sie früher auf einer öffentlichen Parkbank sassen und für alle Menschen sichtbare Mitglieder unserer Gesellschaft waren. Und als Tourist konnte man sie nach dem Weg fragen. Resonanz-Tourismus war kein Thema, sondern war in dieser Hinsicht einfach.

Vielleicht wäre es ein Ansatz, Städte, Dörfer und Landschaften einmal wie englische Gärten zu betrachten. Mit dem Anspruch, von jedem Ruhepunkt aus einen speziellen Anblick, einen sinnlichen Genuss zu haben, für den es sich lohnt, einen Moment stehen zu bleiben, innezuhalten, vielleicht auch, sich hinzusetzen und zu geniessen. Statt Gummibärchen.

In einem Artikel in der Zeitung Die Welt vom 15.8. titelte das journalistische Enfant Terrible Alan Posener, dass und weshalb verdichtete Grosstädte ein Auslaufmodell seien – oder eben sind.

Ein anderes Beispiel neuerer Planung, das mir selber imponiert und auf dessen Akzeptanz ich sehr gespannt bin:

Das Reussen-Quartier in Andermatt

Ob sich das Publikum dort wohlfühlen wird, bleibt abzuwarten. Von aussen betrachtet ist aber sichtbar, wie Bauherr, Planer und Ausführende respektvoll mit der Umgebung umgegangen sind: Zitate von Formen und Materialien aus der Umgebung, aus der Schweizer (Bau-)Geschichte sind zusammengewürfelt.
Egal: über Geschmacksvorlieben lässt sich wunderbar streiten.
Was hier aber sichtbar wird: Die beteiligten Erbauer haben sich einiges überlegt, haben in sichtbarem Verantwortungsbewusstsein und gleichzeitiger Freude, Neues zu gestalten, mit Farben und Formen zu spielen, eine Brücke gebaut zwischen Historie und Moderne. Sie haben insofern die Lebensräume und ihre Geschichte in räumlicher und zeitlicher Dimension ausgelotet.

Innenhof Reussen-Quartier Andermatt - Sawiris-Resort
Barock-Anleihen - Holzschindeln - versetzte Fensterfronten - Felskavernen-Optik
Reussen-Quartier Andermatt – Spannungsfeld Moderne – Historie – materielle Umgebung

Ich hoffe, dass ihre Spekulation aufgeht.

Ja: Spekulation. Ein Nach-vorne-Denken

Das darf sein. Sonst dürften wir auch keine Kinder mehr bekommen.

Dazu benötigen wir zur finanziellen Anlagespekulation und dem rein pragmatischen Nutzfaktor notwendig eine ideelle «Spekulation», ein die-Zukunft-schaffen, eine ideelle Vision, gedankenkünstlerische Gestaltungsaktivität.

Diese Kompetenzen entstehen nicht von heute auf morgen. Grundstein kann und soll auch in der Schule gelegt werden! Dort beginnt das Bewusstsein für unsere Lebensräume, auch für unsere architektonischen. Und dort können wir die Fundamente für eine gewisse Intuition legen.

Der Autor kann da aus eigener Erfahrung sagen: Eine minimale aber stabile Basis dessen, was er heute Touristen über historische Bauweisen und deren historische Hintergründe erläutern kann, wurde in der 4. und 5. Klasse gelegt. Durch eine progressive Lehrerin, die aber mit grossem Respekt ihre Umgebung und Kulturräume wertgeschätzt und die systemische Betrachtungsweise weitergegeben hat.

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